Zu Jan Böhmermanns Musikvideo „Be Deutsch“

– Besorgte Blogger: ein säuerliches deutsches Kraut… –

 

Das Musikvideo „Be Deutsch“ von Jan Böhmermann / ZDF-Neo (https://www.youtube.com/watch?v=HMQkV5cTuoY&feature=youtu.be) wurde in den vergangenen Tagen zum Gegenstand einiger Diskussionen im deutschsprachigen Internet. Nennenswert sind hier einige Texte auf der Website „Ruhrbarone“, geschrieben von Felix Christians (http://www.ruhrbarone.de/124469-2/124469), Sebastian Bartoschek (http://www.ruhrbarone.de/danke-boehmermann/124494), und Daniel Fallenstein (http://www.ruhrbarone.de/boehmermaennchen-und-die-guten-deutschen/124500). Alle diese Beiträge, sowie ein Großteil der Kommentarspalten-Einträge kranken an einem völlig unzureichenden Verständnis des Musikvideos, über das man sich dort auslässt. Es wird haltlos schwadroniert, es wird mit Büscheln von „eigener Meinung“ um sich geworfen, die man sich aus dem gerauften Haupthaar reißt… Die Mühe, sich das Video einmal mit dem (immer) gebotenen unvoreingenommenen Ernst und interessierter Neugierde anzusehen, macht sich niemand. Es geht wohl eher darum, Befindlichkeiten auszuagieren, als sich wirklich mit-einander und mit der Materie und ihren Kontexten auseinanderzusetzen. Auf bürgerlichen Presse-Webseiten gestaltet sich das Bild nicht viel anders: eine Bewertung des Videos als Satire wird praktisch von keiner AutorIn gebührend in Erwägung gezogen. Nur, dass die Bewertung der unverstandenen Satire hier anders ausfällt: die „geläuterten Deutschen“ werden von „Zeit“, „Stern“ etc. in einem Maße mitgefeiert, das die Satire des Videos zu einer gnadenlosen Realsatire verlängert. Im Folgenden möchte ich diesem versammelten Elend meine Skizze einer Darlegung meiner Sicht auf das Musikvideo und seine (möglichen) Bedeutungen entgegenhalten.

Der auf Rammstein und die Neue Deutsche Härte anspielende Gesangs- und Produktionsstil der Audiospur stellt das Stück in den Kontext der internationalen Re-Etablierung „typisch deutschen“ (Popmusik-)Kulturguts. Die Band ist besonders in den USA und in Großbritannien, aber auch in Ostasien mit ihrem dort als „deutsch“ identifizierten Gestus seit Jahren sehr erfolgreich. Die (musikalische, textliche und filmische) Ästhetik Rammsteins spielt mit Schauder, Rauheit, einer ikonischen Männlichkeit, einer der deutschen Romantik entlehnten Motivik – und verleibt sich konsequenterweise auch nationalsozialistische Ästhetik ein. So verwendete die Band in ihrem Depeche-Mode-Cover „Stripped“ Filmmaterial aus Leni Riefenstahls „Olympia“. (Mit diesem Zitieren von dunkel-archaischer und auch totalitärer Symbolik knüpft Rammstein an das Schaffen der älteren slowenischen Künstlerkollektiv-Band Laibach an, bei der dieses Vorgehen aber noch eher in einem reflektierteren Sinne von Dekonstruktion zu verstehen ist, und für die das Deutsche als Sprache und traditionalistischer Zeichenschatz ein angeeignetes Fremdes ist.)

Somit spielen Rammstein eine Rolle als internationaler Botschafter einer deutschen Kultur, die sich nicht mehr geniert, traditionell-deutsche Motive, mit all ihrer bedenklichen Ambivalenz, in leuchtendsten Farben und genussvoller Überhöhung zur Zutat von Populärkultur zu machen. Mit dunklem Raunen und Dröhnen wird das Zwielicht der Romantik des 19. Jahrhunderts beschworen, dabei zeitgemäß aufgemotzt und um eine Härte ergänzt, die allein schon genügt, eine Konnotation von wilhelminischem und nationalsozialistischem Militarismus (stampfender Gleichschritt!) und Blut-und-Eisen-Ästhetik (Faszination von Waffen, stählerne Krieger-Männlichkeit) wachzurufen. Wohlgemerkt handelt es sich hier zunächst um ästhetische Phänomene, also gerade nicht um rechte (oder auch nur national-konservative) Propaganda. „Nazi“-Vorwürfe kann die Band sicher mit gutem Recht abstreiten. Dass die Gemengelage dennoch prekär ist, lässt sich z. B. vor dem Hintergrund verstehen, dass gerade die Nazis es waren, die Politik (mit Erfolg!) im großen Maßstab und massentauglich ästhetisierten: Die Verbindung zwischen der Etablierung einer bestimmten Ästhetik und einer politischen Stoßrichtung wurde gerade hier besonders deutlich.

Die Neue Deutsche Härte in der Gestalt von Rammstein steht also für den Einzug des ästhetisch Allzudeutschen in die Popmusik und in den (nicht nur innerdeutschen) Massengeschmack. Das sollte man sicher im Kopf haben, wenn man das Video Böhmermanns (als Satire, was sonst!?) auf seine Bedeutung hin befragt.

In diesem Musikvideo nun geht es um die Gewinnung einer neuen Identität in Abgrenzung von einer alten. Das korrespondiert mit der Formation einer „neuen deutschen Identität“, zu der Rammstein ihren ästhetischen Teil leisten. Rammstein wirken als deutsche Kulturbotschafter. Analog dazu thematisiert der Text von Böhmermanns Musikvideo ein „Wer wir sind“: eine Selbstpräsentation. Dieses „Wer wir sind“ wird wie folgt konstituiert:

  • auf der textlichen Ebene durch explizite Postulate („Because we are … nice … liberal … compassionate … considerate … reasonable … social … temperate … peaceful“)
  • auf der musikstilistischen Ebene durch die Klänge der Neuen Deutschen Härte
  • im Videoclip durch die „bunte“ Gruppe der „vielfältigen“, „demokratischen“, „geläuterten Deutschen“ im Gegensatz zu den „besorgten Wutbürgern“.

Der Text wird auf Englisch dargeboten, was zur Kulturbotschafter-Rolle in der Art Rammsteins passt: das Deutsche präsentiert sich „den anderen“ da draußen. Der deutsche Akzent des Mädchens in der Spoken-Word-Einlage der Bridge (ab [3:21]) unterstreicht diese (als künstlerische/satirische Position eingenommene) Rolle. Auch das gesprochene Intro zitiert englisches Kulturgut in einer auf die deutsche NS-Geschichte gemünzten Abwandlung. Vielen sicher vor allem aus „V for Vendetta“ bekannt, handelt es sich um einen Kinderreim zur Bonfire Night am 5. November im Gedenken an Guy Fawkes‘ vereitelten Attentatsversuch auf König und Parlament im Jahre 1605 (https://www.youtube.com/watch?v=BiDXBoabrn0). Der englische Kinderreim drückt Freude über den Triumph der bestehenden Ordnung gegenüber ihrer versuchten Zerstörung aus. Ein politischer Gegner aus dem eigenen Land wird benannt und seine Niederwerfung jährlich aufs Neue gefeiert, sodass die eigene Identität im Triumph gefestigt wird. Diese diskursive Figur ist es, auf die Böhmermanns Video parodistisch Bezug nimmt. Die musikalische Ebene des Videos tritt nun zum Text in ein Spannungsverhältnis, das diesen parodistischen Charakter des Gesamtprodukts deutlich werden lässt: augenrollend-pathetische Klänge untermalen die (englische!) Aufzählung von aktuellen „deutschen Tugenden“, die in ihrer Auswahl und Wortwahl recht nüchtern sind („liberal“, „social“) und mal so gar nicht zu romantisch-zwielichtigen Faszinosa taugen. (Und wie ist es in dieser Hinsicht ums „Dosenpfand“ bestellt?)

Die Videospur legt zunächst als einleitende Texttafel in der Art eines Prologs den Text des gesprochenen Einleitungsgedichts vor. In der Folge inszeniert sie zunächst die „schlechten Deutschen“ als in „Pegida“-Art demonstrierende Menge von Hasserfüllten, der sie die „guten Deutschen“ als Lichtblick gegenüberstellt, nachdem zunächst die Identifikation mit einem Flüchtlingsjungen (ab [0:24]), der vom Clausnitzer Rassistenmob bedroht wird, nahegelegt wird. Das erste Auftauchen eines „guten Deutschen“ dürfte dann in der ruppigen „Hilfs“-Aktion des Polizisten (ab [0:34]) gesehen werden, deren reale Vorlage von den politisch Verantwortlichen in der öffentlichen Diskussion so gerechtfertigt wurde: Der harsche Zugriff sei lediglich zum Schutz des verängstigten Jungen erfolgt. Bei dieser Lesart blitzt hier also bereits ein Moment der Ironie auf: die selbsterklärte moralische weiße Weste von Polizei und Behörden wird für bare Münze genommen und von dem geretteten Flüchtlingsjungen mit einem gelösten, erkennend-jubelnden Lächeln quittiert, während sich (als eines von vielen Momenten gewollt kitschiger Überzeichnung) ein einfallender Lichtschein auf sein Gesicht legt. Der in der Folge (zuerst bei [0:50]) noch mehrfach filmisch dargestellte Pulk der „guten Deutschen“ ist kulturell heterogen: Frauen und Männer, unter anderem ein Christ, eine Muslima und ein Jude, ein hippiesker sowohl als ein yuppiesker junger Mann, einige Schrebergärtner- bzw. Neckermann-Touristen-Typen mit Sonnenhut, eine Radlerin im Grünenwähler-Stereotyp, eine Rollstuhlfahrerin und ihr afrodeutscher Pfleger, ein dickleibiger Mann und noch weitere, inklusive Schäferhund, heizen dem „schlecht-deutschen“ Mob gehörig ein. Dabei beweisen sie traute Eintracht, wenn sie zunächst aufrecht und mit ernster Miene aufgereiht stehen, bevor sie gemeinsam in Aktion treten gegen den in seiner Kleidung und vor allem in seiner filmisch sehr grau gehaltenen Farbgebung vergleichsweise uniformen schlecht-deutschen Mob.

Die Integrativität der „bunten Menge“ ist auch in der Semantik des Textes erkennbar, etwa wenn der sachlich-politischen Aufzählung von Liberalismus, Friedfertigkeit etc. die Textzeile „but being like us takes bigger balls“ gegenübertritt: Der martialisch gothic-artig inszenierte Sänger macht sich als Mann mit explizit männlichen Metaphern zum Sprecher für die videographisch inszenierte sehr diverse Gruppe, die so unter seiner Ägide zur „deutschen“ Gemeinschaft verschmelzen kann. Dabei wird sie vom Sänger nicht nur explizit in ihrer Diversität bestätigt, sondern auch als stark dargestellt nach dem Motto: „don’t mess with us!“ Bemerkenswert ist (neben vielen anderen Details, die ich in diesem Text nicht im Einzelnen durchkauen werde, obwohl diese analytische Beschäftigung hochinteressant ist und ich sie jedem nur ans Herz legen kann) auch, dass die Farben Schwarz-Rot-Gold nur in diesem Video nur periphär auftauchen: bei [3:58],  hier lediglich als Zitat des „Weltmeister“-Tums; kurz auch bei [4:05] und [4:11], sowie in der letzten Einstellung bei [4:20], wo aber die EU-Flaggen deutlich dominieren. Auch dieser Umstand unterscheidet das Musikvideo von den meisten tatsächlichen patriotisches Statements, die ihren Appell ans Nationalgefühl i. d. R. im Sinne des Fußball-Patriotismus mit Nationalfarben unterlegen. Eher wird das Allzudeutsche eines liberalen europäischen Kosmopolitismus thematisiert, indem seine Symbole mit deutscher Tradition und Härte in Beziehung gesetzt werden.

Ich denke, es sollte so bei genauerem Hinsehen ohne viel Mühe erkennbar sein, dass es first and foremost das selbsterklärte „geläuterte Deutschsein“ ist, das in diesem Musikvideo zum Objekt der satirischen Parodie wird: eine in jeder Hinsicht diverse Gesellschaft auf dem neuesten Stand der aufgeklärten westlichen Moderne. Nur trägt diese in eigenartiger Weise einen Widerspruch in sich. Sie hat sich ihre nationalsozialistische Vergangenheit auf zwei sehr verschiedene Arten zu Eigen gemacht: zum einen als bewusst und demütig wahrgenommene (und dann wiederum zu überbordendem Selbstbewusstsein pervertierende) Verantwortung für die barbarischste Entgleisung westlicher Kultur; zum anderen als Ästhetik eines dumpf-pochend Germanischen, die sich in Form der Musik über die sämtlichen, anscheinend so diversen filmographisch dargestellten „typischen guten Deutschen“ legt. Wo es die Videospur noch nicht allein tut, stellt hier die Soundspur die (hypothetische) Einheit der latent köchelnden und heimlich herbeigesehnten Volksgemeinschaft her. Musik als Vermittlerin von völkischem Gemeinschaftsgeist und als Identifizierungsangebot: Neu ist das nicht, sondern eminent wichtiger Teil der Strategie der Nazipropaganda in den Jahren bis 1945. Wie aber ist es möglich, dass die satirische Inszenierung dieser Strategie von so vielen nicht erkannt wird? Das sollte uns zu denken geben, sowohl was die „Medienkompetenz“ vieler Leute betrifft, als auch deren psychische Dispositionen in der gegebenen Gesellschaft.

Was denke ich dazu, dass diese Satire in Teilen der Gesellschaft, und eben auch der Linken, gar nicht als solche verstanden wird? Nichts Gutes, mit Verlaub. Das Nichtverstehen von Satire in gerade diesem Fall wirft ein bedenklich deutsches Licht auf diejenigen, die da auf dem Schlauch stehen. Es sind die von allem Schlimmen geläuterten „neuen Deutschen“, die in dem Musikvideo aufs Korn genommen werden – und zwar nicht nur mit „Weizenbier“ und Fußballweltmeistertum, sondern eben auch mit Dreadlocks und Fahrradhelmen. Nun liegt es manchen (Bauch-)Linken offenbar furchtbar fern, eine kritische oder ironische Distanz zu diesen Symbolen und Identifikationsangeboten ihrer eigenen (Sub-)Kultur zu pflegen. Diesen Spagat bekommen sie nicht hin: einsehen, dass etwas, das mit so wunderbaren Dingen wie Dreadlocks oder Fahrradfahren zu tun hat, satirisch als „very German“ aufs Korn genommen werden könnte. Dass gerade ihre eigenen Lieblingsdinge möglicherweise doch recht deutsch sind – unausdenkbar! Und sogar ein Schwarzer und eine Rollstuhlfahrerin sind in der Gruppe der „guten Deutschen“ vertreten: da will man sich doch nicht lumpen lassen – da müssen die Guten mit gemeint sein! Schließlich ist man ja keine Rassistin, und auch kein Ableist. Dieser Böhmermann, dieser arrogante, neunmalkluge weiße Obere-Mittelklasse-Mann, der irgendwie linksliberal ist, aber offenbar doch so sehr ein blöder Normalo, dass er es nun über sich bringt, diesen schrecklichen neuen deutschen Patriotismus aktiv mitzutragen… Dieser Kerl klaut nun einfach all diese unabänderlich positiven Attribute von kultureller Vielfalt und tollem politischen Engagement und so, und tut so, als wäre das alles voll deutsch. Dabei sind das gute Dinge, also können die doch gar nicht so kartoffelig deutsch sein. Mit der Behauptung nimmt der uns unser revolutionäres Subjekt weg, die ganzen Schwarzen und Fahrradfahrer und so, weil damit impft er diesen Leuten ja also dieses falsche Bewusstsein ein, von dem dieser Andorno doch immer geschrieben hat. Verrat! Er okkupiert Friede und Freude und malt schwarz-rot-goldene Schminke darauf. Dieses Arschloch! (Sollte Böhmermann lauter „Eierkuchen“ schreien, den RezipientInnen seiner Satire mit dem signalroten Zaunpfahl winken? Nein. Nicht die Satire muss kommentiert werden, sondern die RezipientInnen, inklusive Linke, dürfen dankend zur Kenntnis nehmen, dass sie nur aufgrund ihrer eigenen Beschränktheit kein Verständnis dafür aufbringen. Und sich daran machen, diese Beschränktheit abzubauen.)

Wer es in diesem Sinne noch immer nicht in seine recht deutsche Birne kriegt, dass deutscher Patriotismus hier nicht verherrlicht, sondern satirisch behandelt wird, höre sich noch einmal das Musikvideo bei [3:29]–[3:35] an. Und achte in Zukunft bitte verstärkt darauf, nicht selektiv über alles hinwegzuhören, was nicht ins eigene liebgewonnene Weltbild passt. Darin liegt nämlich eine bedenkliche Parallele vieler Leute, die sich als progressiv/links verstehen, zu all den Pegidisten und besorgten Bürgern dieses oft so garstigen Landes.

 

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tl; dr:
„Be Deutsch“ ist ausschließlich als Satire zu verstehen. Viele, die selbst einen positiven Bezug zum „geläuterten Deutschsein“ haben (auch Linke, oft ohne es zu merken), erkennen aber gerade deswegen die Satire nicht.

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Zu Jan Böhmermanns Musikvideo „Be Deutsch“